Franz Xaver Markmiller – Pater Magnobonus

Franz Xaver Markmiller
Ein außergewöhnliches Priesterleben im 19. Jahrhundert

Von Hans-Dieter Schindler und Adalbert Riehl

 

Am 19. Oktober 1800 wurde Franz Xaver Markmiller in Höchstädt an der Donau als Sohn wohlhabender Kaufmannseheleute geboren. Er absolvierte 1820 das königliche Lyceum (Gymnasium) in Dillingen. Direktor dieser Schule war bis 1821 kein geringerer als Joseph Weber, der 1753 in Rain geborene Priester und Naturwissenschaftler. Weber lehrte auch an der Landesuniversität Ingolstadt und – nach der Verlegung im Jahr 1800 – in Landshut. 1821 wechselte er von Dillingen nach Augsburg und wurde in hohe Ämter des Bistums berufen. 1831 ist er verstorben.

Franz Xaver Markmiller blieb in Dillingen und studierte nun an der dortigen Hochschule (Bischöfliches Priesterseminar). An der Universität Landshut belegte er die Fächer Philosophie und Theologie. Obwohl die erste bayerische Landesuniverstität nur rund ein Vierteljahrhundert in Landshut blieb (1800-1826), hat diese Periode ihren eigenen Charakter „zwischen Aufklärung und Romantik“. Nahezu 1000 Studenten bevölkerten die Stadt an der Isar – diese Studentenzeit in der Fremde prägten sicher die Persönlichkeit des jungen Markmiller.

Am 1. Mai 1824 wurde Markmiller durch Bischof Joseph Maria Freiherr von Fraunberg im Augsburger Dom zum Priester geweiht. Kurz darauf ist er Kaplan in Gundelfingen, anschließend in Bachhagel, wo er auch als Pfarrer wirkte. 1834 erhielt er die Pfarrei Staudheim im Landgericht Rain. Sein segensreiches Wirken in dieser Gemeinde ist heute noch nicht vergessen.  Die Aufzeichnungen im Rainer Stadtarchiv (Fischerania) vermerken dazu: “Xaver Markmiller war hier Pfarrer vom 5. Juni 1834 bis zum April 1841. Da der bezeichnete im Monat Juni 1839 in das Kloster trat, vicarierte Leonhard Mertel von Höchstädt in der Pfarrei Staudheim vom Monat Juni 1839 bis zum 13. Juli 1841.“

Sie waren ein Opfer der Politik: 1803 vertrieb die Säkularisation die freundlichen Barmherzigen Brüder aus Deutschland, die als Seelsorger, Krankenpfleger, Betreuer von Geisteskranken bei den sogenannten einfachen Leuten überaus beliebt waren. In Bayern blieb lediglich der Konvent in Neuburg an der Donau – 1622 als erste deutsche Niederlassung des Ordens gegründet – verschont; er wurde jedoch unter weltliche Aufsicht gestellt. Die Brüder durften bleiben, gegen einen Hungerlohn von drei Gulden, zwei Hemden und zwei Paar Strümpfen pro Jahr. Doch das Klösterchen starb aus, und ein einziger Bruder, Frater Eberhard Hack, harrte in Neuburg aus, bis König Ludwig I. 1831 einen Neuanfang ermöglichte, Frater Eberhard zum Prior machte und dem Bischof von Augsburg erlaubte, vier österreichische Brüder nach Neuburg zu holen.

 

Von Neuburg ging der Wiederaufbau des Ordenslebens aus, der 1851 – vor 150 Jahren – zur Gründung der Bayerischen Provinz der Barmherzigen Brüder führte (siehe Beitrag Seite …). Die zentrale Figur dieser Aufbauphase war Pater Magnobonus Markmiller, als praktisch denkender Organisator und mutiger Visionär genauso beeindruckend wie durch seine spirituellen Gaben.

Geboren 1800 in Höchstädt an der Donau in einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, studierte Franz Xaver Markmiller in Dillingen und Landshut Philosophie und Theologie, arbeitete nach der Priesterweihe zunächst als Kaplan in Gundelfingen und Bachhagel, wurde dort Pfarrer und übernahm 1832 die Pfarrei Staudheim. Der Vater, ein Eisenhändler, war auch Spitalpfleger von Höchstädt gewesen, das prägte den Sohn, und aus Interesse für eine christlich motivierte Sozialarbeit und Caritas reiste er nach Wien, um sich dort die Arbeit der Barmherzigen Brüder anzusehen. Die begeisterte ihn aber zuerst einmal wenig, so dass er lieber Pfarrer blieb.

Die stille Liebe zu den Armen und Kranken und zum gemeinsamen Leben in einem Orden brannte aber offenbar in einem versteckten Winkel seines Herzens weiter. Ein paar Jahre später trat er zur Verwunderung der Staudheimer in die benachbarte Neuburger Niederlassung der Barmherzigen Brüder ein, legte 1841 als Pater Magnobonus die Gelübde ab, absolvierte die Landshuter Chirurgenschule und wurde mit dem Amt des Novizenmeisters betraut. Er lehrte seine jungen Mitbrüder gleichzeitig ein geistig anspruchsvolles Leben in der Nähe Gottes und die Geheimnisse von Chirurgie und Wundbehandlung.

Kaum war der kleine Neuburger Konvent durch die Gewinnung von neuem Nachwuchs stabilisiert, wandte sich Pater Markmiller nach Straubing, wo er zunächst das städtische Spital leitete und dann im säkularisierten Franziskanerkloster ein leistungsfähiges Ordenskrankenhaus gründete. Jetzt begann der von der Säkularisation praktisch liquidierte Orden in Bayern wieder aufzublühen. 1851 beauftragte man den tatkräftigen Straubinger Prior, nach Rom zu fahren und die Verbindung zur dortigen Generalkurie wiederherzustellen. Mit einem Pass des zuständigen Ministeriums versehen, machte sich Pater Magnobonus auf den beschwerlichen Weg über den Gotthardpass, verfehlte den Ordensgeneral Deidda in Mailand, fand ihn schließlich in Florenz, reiste erneut zum Generaldefinitorium des Ordens und zu den vatikanischen Behörden nach Rom, wurde von Papst Pius IX. freundlich empfangen und nach seiner Heimkehr zum ersten Provinzial der neugegründeten bayerischen Ordensprovinz gewählt, 1853 in Regensburg, wo sein alter Studienfreund aus Dillingen Valentin Riedl mittlerweile Bischof war.

Der Provinzial Markmiller ging die Aufbauarbeit entschlossen an; außer dem Straubinger Krankenhaus gründete er 1853 in Neuburg Kloster und Priesterhospiz, 1854 eine Krankenpflegestation im Zuchthaus Kaisheim, 1860 die Pflegeanstalt Schweinspoint, 1863 zwei vorbildlich arbeitende Erziehungsanstalten in Algasing und Heiligbrunn (Dekanat Rottenburg an der Laaber). 1866 übernahm der Orden in Burglengenfeld das Krankenhaus St.Vitus und eine „Rettungsanstalt zum heiligen Erzengel Raphael“. Alles Antworten auf die sozialen Nöte der Zeit und auf die Bedürfnisse kranker, alter, behinderter Menschen.

Pater Magnobonus, „der ganz Gute“, wie man den lateinischen Namen übersetzen könnte! Natürlich schildern ihn die Ordenschronisten im Stil herkömmlicher Heiligenlegenden als ganz unirdischen Tugendbold, den kleinen Freuden des Diesseits auf fast schon erschreckende Weise abgeneigt: „Nie sah man ihn beim Kartenspiel, nie beim Tabakgenuss“, schrieb einer seiner Biographen noch 1970. Und er vergisst auch nicht die alte Geschichte aus Markmillers Landshuter Studentenzeit.

Da hatte sich der junge Theologe im Haus eines angesehenen Bürgers eingemietet, der unglücklicherweise ein Töchterlein im passenden Alter sein eigen nannte. Und das Mädel war frech genug, sich einige Male genau dann in aller Frühe am Brunnen im Hof zu schaffen zu machen, wenn der Studiosus Markmiller schlaftrunken ins Freie trat, um sich dort mit eiskaltem Wasser zu waschen. Um seine Tugend zu retten, schleppte der junge Mann eines Morgens doch tatsächlich den Totenkopf, vor dem er seine Gebete und Betrachtungen zu verrichten pflegte, zum Brunnen und schrubbte ihn eifrig von allen Seiten ab. Die erschrockene Jungfer soll ihn fortan gemieden haben.

Selbstverständlich betete Magnobonus sein Brevier nach diesen Berichten grundsätzlich im Knien. Am Abend habe man nicht mehr mit ihm sprechen können, „weil er bis Mitternacht vor seinem Gott im Tabernakel lag“ (Pater Gregor Schwab 1931). Um zwei Uhr morgens sei er bereits wieder zum Gebet aufgestanden. Zum Glück haben die Legendenschreiber ein paar kantige Züge in Markmillers Persönlichkeitsbild auszumerzen vergessen: Als Pfarrer von Staudheim – also noch vor seinem Ordenseintritt – führte er einen noblen Haushalt mit erlesenen Möbeln, liebte seine Reitpferde und fuhr gern in einem eleganten Einspänner; von seinem begüterten Vater, einem Eisenhändler, hatte er genug Geld geerbt.

Dass er später als Ordensprovinzial auf seinen Dienstreisen mit Vorliebe bei armen Leuten oder im Sommer im Heuschober übernachtete, hat möglicherweise nicht nur in der spartanischen Schlichtheit und Sparsamkeit eines heiligmäßigen Lebens seinen Grund. Kann die Legende nicht auch so gelesen werden, dass Magnobonus solche Gelegenheiten nutzte, um einmal aus den gravitätischen Gepflogenheiten auszubrechen, die man von einem Ordensoberen erwartete?

Und was für ein Schlitzohr konnte er im Umgang mit Beamtenschädeln und kirchenfeindlichen Obrigkeiten sein, wenn es der katholischen Sache und den armen Kranken und Pflegebedürftigen diente! 1860 wurde ihm in Schweinspoint das Jagdschlösschen eines gewissen Freiherrn von Hacke zum Kauf angeboten; die Brüder hätten dort gern eine Pflegeanstalt eingerichtet. Damals saßen aber in Bayern liberale Aufklärer am Regierungsruder, die Ordensleute nicht besonders mochten. Neue Gesetze machten einenKauf unmöglich. Da erreichte es Magnobonus durch listige Überredungskunst, dass die Gesetze für eine Stunde außer Kraft gesetzt wurden und blitzschnell wenigstens eine Stiftung unter staatlicher Aufsicht errichtet werden konnte.

In seinem Orden war Pater Magnobonus jedenfalls fraglos als Führungspersönlichkeit anerkannt. Mehrfach wiedergewählt, trat er erst 1871 als Provinzial ab, von den Beschwerden des Alters – Kreislaufprobleme, Ohnmachtsanfälle, Rippenbrüche nach einem Sturz, Darmgeschwüre – gekennzeichnet, aber immer noch eine stattliche Erscheinung, groß, hager, ruhig im Auftreten, gelassen Entscheidungen treffend, energisch ihre Durchführung überwachend. Am 30.Juni 1879 starb er im Alter von 78 Jahren.

Die Säkularisation und ihre Folgen

In Folge des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 wurden 22 geistliche Fürstentümer aufgelöst und die Aufhebung von über 300 Klöstern und Abteien vollzogen. Betroffen waren auch die Konvente und Krankenhäuser der Barmherzigen Brüder. Der Konvent der Barmherzigen Brüder in Neuburg an der Donau blieb von der Säkularisation verschont. Man stellte ihn 1808 unter weltliche Verwaltung, wobei die Brüder per Handschlag und gegen eine geringe Vergütung von je drei Gulden, zwei Hemden und zwei Paar Strümpfen jährlich zur Weiterführung ihrer Aufgaben verpflichtet wurden. Nacheinander starben sie, nur ein einziger blieb übrig: Frater Eberhard Hack, der nach dem Tod des letzten Neuburger Priors Frater Cunibert Pirkl 1816 von der Regierung als Aufseher eingesetzt wurde.

Aus dem alten Wurzelstock wächst ein neuer Trieb

König Ludwig I. von Bayern hat am 21. Mai 1831 die Wiedererrichtung des Konventspitals St. Wolfgang in Neuburg an der Donau genehmigt und Frater Eberhard Hack als Prior eingesetzt. Durch die personelle Unterstützung der Österreichischen Ordensprovinz in den Anfangsjahren konnte der Grundstock für ein Wiederaufblühen gelegt werden. Der Augsburger Bischof Albert von Riegg hat den Neubeginn sehr befürwortet. Im Jahre 1832 wurden die ersten Kandidaten aufgenommen, Frater Sebastian Benz, ein Apotheker, und Frater Valentin Reisach.

Zur wichtigsten Persönlichkeit für die weitere Geschichte des Neuanfangs des Hospitalordens in Bayern sollte der vormalige Pfarrer von Staudheim Franz Xaver Markmiller werden, der 1839 mit 39 Jahren in das Neuburger Kloster St. Wolfgang eintrat und als Pater Magnobonus die Ausbreitung der Gemeinschaft entscheidend vorantrieb. Er war aber nicht nur Manager, sondern auch Förderer des geistlichen Lebens der Gemeinschaft.

Wiedererrichtung der Ordensprovinz 1851

Pater Magnobonus erwarb sich schnell das Vertrauen seiner Mitbrüder. Im Jahre 1851 wurde er beauftragt, nach Rom zu reisen, um die Verbindung zur Generalkurie wiederherzustellen. Hocherfreut über den Bericht über die Tätigkeit der Brüder in Bayern setzte Pater General Peter Paul Deidda ihn als Provinzvikar ein. Nach Abschluss der offiziellen Besuche erneuerte Pater Magnobonus in Anwesenheit des Generaldefinitoriums seine Gelübde, um mit diesem Akt seine Zugehörigkeit zum Orden zu unterstreichen. Mit dem Segen Papst Pius IX. und den erforderlichen Vollmachten der Generaloberen kam Pater Magnobonus am 28. Juli 1851 in das Kloster nach Neuburg zurück. Am 3. August 1851 vollzog er in der Kirche St. Wolfgang in Neuburg die formelle Wiedererrichtung der Provinz zum heiligen Karl Borromäus durch Entgegennahme der feierlichen Ordensprofess aller anwesenden Ordensmitglieder und durch die Übermittlung der Urkunden an die vom Generaldefinitorium bestellten Oberen.

Das erste Provinzkapitel fand 1853 im Regensburger Bischofspalais statt, bei dem Pater Markmiller zum ersten Provinzial gewählt wurde. Der Regensburger Bischof Valentin von Riedl war ein Studienfreund von Pater Magnobonus. Zum Sitz des Provinzials wurde Neuburg St. Wolfgang bestimmt.